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2026-05-18

„Dass es uns nicht leichtfällt, entbindet uns nicht von Empathie“

„Dass es uns nicht leichtfällt, entbindet uns nicht von Empathie“
ein Gespräch mit Jarosław Lisicki, einem polnischen Maler über Vergänglichkeit, Identität und Freiheit in der Malerei.



Kunstler Jarosław Lisicki



Warum bist du Künstler geworden?
Ich glaube, es begann, als ich das Album Sister Wendy’s 1000 Masterpieces durchblätterte und dort auf das Gemälde „Das Jüngste Gericht“ von Hans Memling stieß, das einen enormen Eindruck auf mich machte (obwohl ich es nie im Original gesehen habe). Später ging ich auf ein Kunstlyzeum mit dem Schwerpunkt visuelle Werbung, wo ich mich in das polnische Plakat verliebte. Ich wollte Plakatkünstler werden, aber ich wurde zweimal nicht für Grafik angenommen und wurde schließlich Maler.

Wovon handelt deine Kunst?
Hauptsächlich vom Vergehen von Gedanken und Identität. Ich versuche, Menschen in Bewegung darzustellen, aber nicht in einer idealen, bildhaften, eher in einer deformierten Form, mit dem Wunsch, den Menschen aus vielen Perspektiven zu erfassen, wodurch sich die Figuren auflösen, verschwimmen und über ihre Konturen hinausgehen. Deshalb distanziere ich mich oft von einer konkreten Beschreibung meiner Arbeiten, denn für mich ist ihr Kontext eher fließend, und ich verwende eher Schlagworte oder sehr reduzierte Beschreibungen der Themen meiner Bilder, die sich ebenfalls häufig verändern. Ich halte mich während des Malens oder nach der Fertigstellung nicht krampfhaft an den Inhalt des Bildes. Ich gebe mir selbst und dem Betrachter viel Interpretationsfreiheit.
Das Ziel meiner Arbeiten ist es, bewusst zu machen, wie beschissen es für uns ist, und dass wir uns deshalb eher gegenseitig helfen sollten, anstatt uns das Leben noch schwerer zu machen.

Welches deiner Werke ist dir am wichtigsten?
Ich habe kein einziges wichtigstes oder bahnbrechendes Bild, jedes von ihnen ist für mich wichtig oder in gewisser Weise ein Wendepunkt. Natürlich gefällt mir manchmal ein Werk mehr als ein anderes, aber das hängt vom jeweiligen Tag ab.
Welchen zeitgenössischen Künstler schätzt du?
Ich habe keinen einzigen Lieblingskünstler, sondern eine kleine Gruppe von Künstlern, die ich besonders schätze: Marlene Dumas, Ambera Wellmann, Anselm Kiefer.



  


Wie sieht dein künstlerischer Prozess aus?
Ziemlich spontan, die meisten Bilder entstehen unter dem Einfluss von Emotionen und der ersten Idee, nur selten fertige ich eine Skizze an. Während des Malens gebe ich mir viel Freiheit, ich halte mich nicht krampfhaft an die ursprüngliche Idee, ich bin selbst gespannt, in welche Richtung sich das Bild entwickeln wird. Bei manchen Bildern dokumentiere ich den Malprozess fotografisch, aus der zeitlichen Perspektive ist es interessant zu sehen, wie sich das Bild verändert, wie sich seine Form und zugleich auch sein Inhalt wandeln. Sehr oft kehre ich zu bereits gemalten, „fertigen“ Bildern zurück und versuche, ihnen andere Emotionen und eine andere Geschichte zu geben. Deshalb denke ich, dass ich ein Bild eigentlich nie wirklich beende, vielleicht lasse ich eher los, als dass ich es abschließe.

Worauf bist du bei anderen Künstlern neidisch?
Ehrlich gesagt? Auf Geld. Diese Haltung mag banal erscheinen, doch im Hinblick auf die künstlerischen Möglichkeiten sind finanzielle Ressourcen notwendig, um das eigene Potenzial zu erweitern, etwa im Zugang zu Materialien. Natürlich kann man sich fragen, ob das nicht eine unbewusste Rechtfertigung der eigenen Grenzen ist. Wahrscheinlich betrifft das viele Bereiche, aber letztlich geht jeder von uns seinen eigenen Weg, deshalb konzentriere ich mich lieber auf meinen eigenen und gehe ihn in meinem Tempo.

Was würdest du jemandem zeigen, der Polen zum ersten Mal besucht?
Konin, meine Heimatstadt.

Was hat die polnische Kunst zu bieten? Was sind die interessantesten Phänomene?
Es ist schwer zu sagen. Ich habe das Gefühl, dass sich die Kultur zu verflachen beginnt, aber das ist nur eine sehr oberflächliche Beobachtung. Ich würde mich eher auf regionale Kunst konzentrieren, um zu zeigen, wie kulturell reich Polen ist.

Was würdest du tun, wenn du kein Maler wärst?
Detektiv, obwohl mein größter Traum war, Regisseur zu werden. Aber ehrlich gesagt weiß ich es selbst nicht.

Mehr über den Künstler auf der Website der Galerie East Art Stories